Klausenpassrennen 1

Dramatische Rettungsaktion in den Alpen.

von bikejoe (8. Februar 2003)

Es ist Samstag, der 21.9.2002, ca. 10.30 Uhr.

Betschwanden Stephan, Dietmar, Manfred, Ralph, Jochen, Matthias und ich (Johannes, alias bikejoe) (v.l.n.r.)  stehen nicht weit vom schweizerischen Betschwanden bei Glarus und sehen etwas skeptisch auf  den wolkenverhangenen Himmel. Wird es heute trocken bleiben? Ganz sicher sind wir nicht. Trotzdem starten wir zu unserer Radtour,  die uns über den Pragelpass zum Vierwaldstätter See und dann zurück über den Klausenpass führen
soll.

Eigentlich hatten wir geplant, in Altdorf zu starten und zuerst den Klausenpass und dann den Pragelpass zu bezwingen, aber gestern abernd erst haben wir  erfahren, daß heute das große Oldtimerrennen am Klausenpass stattfinden soll, also ist die Straße vom Klausenpass nach Linthal bis 18 Uhr für das Rennen reserviert und für uns gesperrt. Egal, dachten wir, dann richten wir's so ein, daß die letzte Etappe nach 18 Uhr vom Klausenpass hinunter zu den Autos führt. Nun gut, soweit die Planung.

Es geht in gemütlichem Tempo los. Bis Glarus lassen wir uns Zeit und werden das ein- und andere Mal von klingelnden Handys unserer Mitfahrer aufgehalten.  Wie sich später herausstellte haben wir diese Handys zu Unrecht verflucht. Im Gegenteil, hätte nur jeder eins  dabeigehabt.

Ab Glarus steigt die Straße an Richtung Klöntaler See. Manfred und Matthias, die Halbprofis in unserer Gruppe, geben sich eine extra Portion Berg und machen den Umweg über das Schwammhöchi. Naja, dem Rest von uns sind die 2 Pässe, die noch vor uns liegen,  schwer genug.

Klöntaler See Am See angekommen ist von den beiden nichts zu sehen. Trotzdem machen wir ein Foto und fahren gemütlich weiter um den See herum. Plötzlich kommen die beiden von hinten und holen uns ein. Also, dann sind wir ja alle wieder beisammen.

Am Ende des Sees beginnt die Steigung zum Pragelpass. Schnell stellt sich heraus, daß wir nicht gleichzeitig oben ankommen werden. Manfred und Matthias preschen vor, ich bleibe zunächst bei den anderen. Ich will meinen Bruder Stephan ungern alleine lassen, denn dies  ist sein erster Alpenpass. Er versichert mir jedoch, daß es ihm blendend geht und ich solle schon mal  vorfahren. Also trete ich kräftig in  die Pedale und hole die 2 Spitzenreiter wieder ein, die bereits einen halben Kilometer weiter sind. Das kostet jedoch  jede Menge Körner  und so lassen mich die beiden nach 2 weiteren Kilometern "stehen". Ich kann das Tempo nicht halten. Jetzt bin ich alleine und lasse mir  etwas Zeit, die wunderschöne Landschaft und die herrlich glatte Straße zu geniessen. Am Wochenende ist sie für Autos gesperrt, das  macht sie umso schöner.

Pragelpass
Am Pragelpass (1515 m) angekommen ist mein Puls mal  wieder mindestens auf 170. Matthias  und Manfred sind bereits seit 3 Minuten da. Wegen des schönen Wetters beschließen wir, hier  oben auf die anderen zu warten, anstatt gleich ins Tal  hinabzufahren. Der Reihe nach trudeln alle ein.

Pragelpass Pragelpass Pragelpass Pragelpass


Stephan am Pragelpass Auch mein Bruder hat keine Probleme, den Pass zu erreichen.  Der erste bezwungene Alpenpass. Herzlichen Glückwunsch! Weiter so!


Jochen am Pragelpass
Pragelpass Nach ausgiebigem Auffüllen der Kohlehydratspeicher machen wir noch ein Foto und dann geht's ab ins Tal.



Almabtrieb Durch die heftigen 18% Gefälle und die vielen Kurven, ist die  Abfahrt nicht ganz ungefährlich. Irgendwann überholen wir eine geschmückte Kuhherde beim Almabtrieb. Herrlich, so etwas sieht man bei uns zu Hause nie.

Brunnen am Vierwaldstätter See Im Muotatal sammeln wir uns alle wieder und bilden ein Peloton. Wir versuchen uns am "belgischen Kreisel", da uns der Wind ziemlich entgegenpfeift. Das  klappt aber nicht so richtig. Immer wieder reißt das Peloton auseinander. Hätten wir nur mal besser geübt. Trotzdem kommen wir schnell voran. Bald sind wir in Brunnen am Vierwaldstätter See und gönnen uns eine Mittagspause.

Jetzt kommt ein unangenehmer Abschnitt. Wir müssen nach Altdorf an der vielbefahrenen Axenstrasse entlang. Zudem haben wir das Pech an uns  gezogen. Es beginnt mit einem Platten an meinem Hinterrad. Solange ich flicke, fahren die 4 "langsameren" schon mal weiter. Matthias und Manfred  leisten mir seelischen Beistand und deshalb klappt auch das Flicken recht flott. Als wir weiterfahren, fängt es an zu tröpfeln. Mist!

Die Axenstrasse ist laut und stinkt. Irgendwo an der Tellsplatte holen wir die anderen wieder ein. Da es inzwischen recht stark regnet, halten wir unter einem Felsvorsprung und ziehen unsere Regensachen an. Nun ist klar, daß sich ein gewisser Nässegrad nicht mehr vermeiden lässt.

Flüelen In Flüelen regnet es wolkenbruchartig. Wir stellen uns am  Bootsanlegesteg eine Weile unter bis der Regen etwas nachlässt. Jetzt haben wir beschissenes Wetter und den Klausenpass noch vor uns. Das drückt auf die Stimmung. Warum machen wir überhaupt so einen Quatsch?

Es nützt nichts, wir müssen im Regen weiterfahren. Wenn man auf dem Fahrrad mal nass ist, dann ist nur die erste Viertelstunde unangenehm. Danach spürt  man die Nässe nicht mehr.

Hinter Altdorf geht's hinauf zum Klausenpass. Matthias und Manfred preschen schon wieder vor. Bald sind sie nicht mehr zu sehen. Stephan bezweifelt, ob er es schaffen wird. Ich mache mir Sorgen um ihn. Bei Jochen und Dietmar bin ich sicher, daß sie es schaffen, denn beide haben im Sommer das Stilfser Joch bezwungen, wider Erwarten. Die beissen sich durch. Ralph kenne ich nicht so genau, bin aber sicher, daß er sich an seinen Kumpel Dietmar dranhängt. Wenigstens haben Stephan und ich je ein Handy dabei. Also machen wir aus, daß ich vorausfahre und wir ihn mit dem Auto abholen, wenn er es nicht schaffen sollte. Den Treffpunkt können wir mit dem Handy festlegen. Soweit so gut.

Es regnet immer noch, aber die Steigung sorgt dafür, daß mir nicht kalt wird. Dicke Wolken hängen an den Bergen fest. Wie schön muss es hier sein, wenn  die Sonne scheint. Kilometer für Kilometer quäle ich mich nach oben. In Unterschächen hält mich ein Polizist auf. Ob ich wüsste, daß die Straße ab dem Klausenpass bis 18 Uhr gesperrt wäre. Klar, weiß ich. Er lässt mich  weiterfahren.

Am Restaurant zum Urigen habe ich Hunger, also schnell ein paar Riegel einwerfen. Wo die anderen wohl sind, frage ich mich. Wie weit kommt mein  Bruder? Hat er schon umgedreht? Egal, ich muss weiter.

Nach weiteren steilen Kilometern sehe ich endlich das Hotel am Klausenpass. Jetzt habe ich's bald geschafft. Doch am Hotel angekommen, ist von der Passhöhe nichts zu sehen. Also fahre ich ohne anzuhalten weiter. Wie muss ich wohl ausgesehen haben? Im letzten Winkel meines Hirns nehme ich war, daß hier ziemlich viele Autos stehen und viele Leute unterwegs sind. Alles  Zuschauer des Oldtimerrennens, die sich auf den Heimweg machen, denn es ist bereits kurz nach 6. Die restlichen 99% meines Hirns sind damit beschäftigt, die Anstrengung von meinem Bewusstsein fernzuhalten, was aber nicht immer gelingt.

Endlich sehe ich die Passhöhe (1948 m), geschafft! Der letzte Kilometer war der allerschlimmste.

Inzwischen ist es eiskalt. Den Regen kann man schon fast als Schnee bezeichnen. Ich trinke nochmal ausgiebig und peile die Lage. Die Straße ist  nicht mehr gesperrt. Es ist bereits halb 7. Dafür schlängelt sich eine endlose Schlange von Autos und Bussen den Berg  hinunter Richtung Urnerboden. Ausserdem beginnt bereits die Dämmerung.


Also auf geht's, jetzt will ich's so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Ich stürze mich in die Abfahrt. Doch ich komme nicht weit. Vor lauter Autos und Bussen komme ich nicht recht vorwärts und ich brauche ewig für die ersten Serpentienen. Da klingelt mein Handy, das muss Stephan sein, Gott sei Dank, er meldet sich. Bis ich das Handy mit klammen Fingern herausgekramt habe, klingelt es nicht mehr. Mist. Hoffentlich gehen unsere Akkus nicht leer. Das wäre fatal. Ich fahre weiter. Bald erreiche ich den Bus, der den ganzen Verkehr hier aufhält. Nach 2 weiteren Serpentinen kann ich ihn endlich überholen. Jetzt ist die Straße frei. Den Urnerboden habe ich schnell durchquert, dank Rückenwind. Aber ich bin so nass, als wäre ich gerade dem Meer entstiegen. Egal!

Was mir nicht egal ist, ist die Tatsache, daß es jetzt fast Nacht geworden ist. Licht habe ich kein's dabei, wozu auch??? Wer hat schon Licht am Rennrad????

Ich beeile mich so gut ich kann. Die Abfahrt ist jetzt ziemlich gefählich. Ich fahre auf einer dunklen, nassen, kopfsteingepflasterten Straße nach Linthal. Ich will diese Tour so schnell wie möglich beenden. In Linthal ist es endlich etwas wärmer. Meine Finger tauen langsam auf. Dafür ist dort ein riesiges Volksfest, alles wegen des Oldtimerrennens. Ich sehe, daß die Polizei die Auffahrt zum Klausenpass gesperrt hat.

Da klingelt mein Handy nochmal. Diesmal klappt's mit der Verbindung. Mein Bruder sitzt schon beim Abendessen im geheizten Hotel zum Urigen, wo ich  vorher noch meine letzten Riegel gegessen hatte. Jochen und Ralph sind auch da. Also denen geht's wenigstens gut und wir machen aus, daß wir sie mit den Autos abholen. Aber wo ist Dietmar?

Er muss irgendwo zwischen Hotel Urigen und Linthal sein, soviel ist sicher. Ich bin mir auch sicher, daß er es bis zur Passhöhe schafft und dann ebenfalls die  Abfahrt wagt, denn er ist der Einzige, der ein ordentliches Licht am Fahrrad hat.
Die letzten Kilometer bis zum Auto gehen schnell vorbei. Als ich dort ankomme, sind Matthias und Manfred bereits umgezogen. Sie sind schon vor einer halben Stunde angekommen.

Für die 132 km und 2843 Höhenmeter habe ich ohne Pausen 7:05 h gebraucht.

So, jetzt schnell raus aus den Klamotten und trockene Sachen angezogen. Die Fahrräder sehen schrecklich aus. Wir wischen sie notdürftig ab und verstauen  sie im Kofferraum.

Wir sind uns einig, daß wir hier auf Dietmar warten. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er kommt.

Um 8 Uhr ist er immer noch nicht da. Seit ich angekommen bin, ist bereits eine dreiviertelstunde vergangen. Wir warten weiter. Wenn wir jetzt losfahren und ihn  irgendwie verpassen, dann kommt er hier an und die Autos sind weg. Was für ein Schock wäre das für ihn! Schließlich will er ja auch trockene Klamotten anziehen.

Um halb neun beschließen wir endlich, loszufahren. Es hat keinen Wert, noch länger zu warten. Wenn er jetzt noch nicht da ist, muss er irgendwo hängengeblieben sein.

Also jetzt wieder zum Klausenpass hoch und nach Dietmar suchen, diesmal zum Glück im geheizten Auto. Wir haben die Strapazen wenigstens hinter uns.

Kurz hinter Linthal klingelt das Handy wieder. Mein Bruder meldet, daß er von anderen Gästen im Urigen gehört hat, daß im Hotel Klausenpass ein einsamer Radfahrer sitzt, der seine Kumpels vermisst. Das muss Dietmar sein. Wenigstens haben wir jetzt einen Hinweis. Ich sage den anderen im 2. Auto Bescheid und rase jetzt so schnell wie möglich hoch zum Klausenpass. Dort ist jetzt alles still und friedlich, aber dafür dunkel und nebelig.

Am Hotel angekommen sehe ich schon Dietmars Fahrrad auf der Terrasse. Gott sei Dank, da sitzt er in der Gaststube.

Aber er ist sauer! Meine Güte, so habe ich ihn noch nie erlebt. Mittlerweile ist es halb zehn und er sitzt bereits seit 4 Stunden hier und hat keinerlei Lebenszeichen weder von uns 3 Vorreitern, noch von den 3 Nachzüglern gehört. Auf die hatte er immer gewartet, doch die saßen ja schon lang 6 km weiter unten im Hotel zum Urigen. Er war wohl an der Passhöhe nur wenige  Augenblicke angekommen, nachdem ich mich ins Tal aufgemacht hatte. Hätte ich vielleicht 1-2 Minuten länger gewartet, hätten wir uns gesehen. Da er aber niemanden angetroffen hat und ihm exterm kalt war, wollte er auf die anderen warten, die hinter ihm waren. Doch die kamen nie an, da sie von weltlichen Genüssen abgelenkt, das Ziel Passhöhe völlig aufgegeben hatten.

Wenigstens sind wir alle wieder vereint, die schlechte Laune ist schnell verflogen. So bleibt ihm nun erspart, in 4-5000 Jahren Karriere als “Klausi, der Eismann vom Klausenpass” zu machen.

Kurz darauf gabeln wir die 3 Stubenhocker im Hotel auf und gönnen uns ebenfalls noch einen kleinen Snack.  

Um viertel vor elf machen wir uns auf den Heimweg. Wir haben noch 4 Stunden Fahrt vor uns.

Mann, bin ich fertig!!!!

Solche Tage vergisst man nicht. Schreibe ich etwa einen Bericht über einen stinknormalen Bürotag? Nein! Solche Tage wie der 21.9.2002 sind das Salz in der Suppe und ich hoffe, daß ich noch ein paar davon erleben werde.

Auf jeden Fall sind inzwischen alle Mitradler mit Handys ausgestattet, damit so etwas nicht mehr passiert.

Wer noch nicht genug hat von dieser Erzählung, der lese weiter die herzzerreißende Retrospektive von Manfred über den Kampf am Klausenpass .